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Dienstag, 22. November 2011

Das Märchen von den Swabeedoodahs

Ich habe vor vielen Jahren einmal das Märchen von den "kleinen Leuten aus Swabeedoo" geschenkt bekommen und damals -als es das Internet noch nicht gab....- die Geschichte mühsam abgetippt. In diesem Jahr möchte ich dieses wunderschöne Märchen, bei dem die Kobolde kleine, weiche Pelzchen tauschen, zu Weihnachten verschenken.

Nach dem Ausdrucken habe ich die Seiten "geringelt" und das Cover noch etwas dekoriert - ein Pelzchen darf natürlich auch nicht fehlen.



Wer mag und jetzt Zeit hat, sollte sich einen Becher Tee oder Kaffee oder ein Glas Wein nehmen und die Geschichte einmal lesen:


Die kleinen Leute von
S W A B E E D O O

(Ein Märchen - Verfasser unbekannt)



Es begab sich zu jener Zeit, als unsere Erde von Zwergen, Kobolden, Trollen und vielen anderen fabelhaft anmutenden Wesen bewohnt war, dass in einem kleinen Dorf namens Swabeedoo, nahe den bunten Wiesen, kleine menschenähnliche Geschöpfe wohnten. Diese überaus fröhlichen und freundlichen kleinen Leute nannten sich "Swabeedoodahs".
Sie waren sehr glücklich und liefen meistens mit einem Lächeln auf ihren Gesichtern herum, das ihnen bis hinter die Ohren ging. Sobald einer der Swabeedoodahs einem anderen begegnete, begrüßten sie sich mit kaum auszudenkender Herzlichkeit.
Was die Swabeedoodahs allerdings am meisten liebten war, einander warme, weiche Pelzchen zu schenken. Jeder trug über seiner Schulter einen Beutel und dieser war gefüllt mit vielen warmen, weichen Pelzchen. Sooft sich Swabeedoodahs trafen, gab gewöhnlich der eine dem anderen ein Pelzchen. Nun ist es besonders schön, jemandem ein warmes, weiches Pelzchen zu geben: Es sagte dem anderen, er sei etwas Besonderes.  Es war eine Art zu sagen: "Ich mag dich". Und selbstverständlich erfreute es auch jedermann, ein solches Pelzchen zu bekommen.
Wenn man dir ein Pelzchen anbietet, wenn du es nimmst und fühlst, wie warm und flaumig es an deiner Wange ist, und du es dann sanft und leicht in deinem Pelzchenbeutel zu den anderen legst, dann ist es wundervoll! Du fühlst dich anerkannt und geschätzt, wenn dir jemand ein weiches Pelzchen gibt  und du möchtest ihm ebenfalls zeigen, dass du ihn magst und erfreust ihn auch mit dem Geschenk eines warmen, weichen Pelzchens.
Die kleinen Leute gaben gerne warme, weiche Pelzchen, und ihr gemeinsames Leben war ohne Zweifel sehr glücklich und froh.
Außerhalb des Dorfes, in einer kalten dunklen Höhle, unweit des hohen grauen Gebirges, wohnte ein großer, grüner Kobold. Er wollte eigentlich nicht alleine wohnen und manchmal war er einsam. Aber er schien mit niemandem auszukommen und irgendwie mochte er es nicht, warme, weiche Pelzchen auszutauschen. Er hielt es schlichtweg für einen großen Unsinn.
Eines Abends ging der Kobold in das Dorf und traf einen dieser kleinen, freundlichen Bewohner aus Swabeedoo.
"War heute nicht ein schöner Tag?" fragte die kleine Person lächelnd. "Hier, nimm ein warmes, weiches Pelzchen; dieses ist ein besonderes, ich habe es eigens für dich aufbewahrt, weil ich dich so selten sehe." Der Kobold schaute sich um, ob niemand anderer ihnen zuhörte. Dann legte er seinen Arm um den kleinen Swabeedoodah und flüsterte ihm ins Ohr: "Hör mal, weißt du denn nicht, dass, wenn du alle deine Pelzchen weg gibst, sie dir dann an einem deiner schönen SwabeedoodahTage ausgehen?"
Zunächst ein erstaunter Blick und kurz darauf Furcht zeichneten sich auf dem Gesicht des kleinen Swabeedoodah ab. Dem Kobold war diese Reaktion nicht entgangen; er schaute in den PelzchenBeutel und beendete das Gespräch mit den Worten: “Jetzt hast du kaum mehr als 217 weiche Pelzchen übrig, würde ich sagen. Sei lieber vorsichtig mit dem Verschenken!“ Damit machte sich der Kobold davon und ließ einen verwirrten und unglücklichen Swabeedoodah zurück.
Der Kobold wusste, dass ein jeder der kleinen Leute einen unerschöpflichen Vorrat an Pelzchen besaß.  Gab man nämlich jemandem ein Pelzchen, so wurde es sofort durch ein neues ersetzt, so dass einem sein ganzes Leben lang niemals die Pelzchen ausgegangen wären. Doch der Kobold verließ sich auf die gutgläubige Natur der kleinen Leute und auf eine Sache, die er bei sich selbst entdeckt hatte. Er wollte herausfinden, ob es auch in den kleinen Leuten steckte. Auf diese Weise belog der Kobold den kleinen Swabeedoodah, kehrte zurück in seine Höhle und wartete.................................

Es dauerte nicht lange. Der erste, der vorbeikam und den kleinen, noch immer verwirrten Swabeedoodah grüßte, war ein guter Freund von ihm, mit dem er schon viele weiche Pelzchen ausgetauscht hatte. Dieser Freund stellte mit Überraschung fest, dass er nur einen befremdeten Blick erhielt, als er dem Swabeedoodah ein Pelzchen gab. Dann wurde ihm von diesem geraten, auf seine abnehmenden Pelzchenvorräte Acht zu geben, und der beschenkte kleine Mann verschwand ganz schnell.

Jener kleine Swabeedoodah bemerkte drei anderen gegenüber am selben Abend noch: „Es tut mir leid, aber ich habe kein warmes Pelzchen für dich. Ich muss aufpassen, dass sie mir nicht ausgehen!"
Am nächsten Tag hatte sich die Neuigkeit im ganzen Dorf verbreitet. Jedermann hatte plötzlich begonnen, seine Pelzchen aufzuheben. Man verschenkte zwar immer noch welche, aber sehr, sehr vorsichtig. "Unterscheide!", sagten sie. Die Kleinen begannen einander misstrauisch zu beobachten und verbargen ihre Beutel mit den Pelzchen während der Nacht vorsichtshalber unter dem Bett.

Streitigkeiten brachen darüber aus, wer die meisten Pelzchen hat  und schon bald begannen die Leute weiche Pelzchen für andere Sachen einzutauschen, anstatt sie zu verschenken. Der Bürgermeister glaubte festzustellen, dass die Anzahl der Pelzchen begrenzt sei, rief deshalb die Pelzchen als Tauschmittel aus und schon bald zankten sich die kleinen Leute darüber, wieviel ein Mahl oder eine Übernachtung im Haus eines Anderen kosten solle. Man erzählte in jener Zeit sogar über einige Fälle von Pelzchenraub.
An manchen dämmrigen Abenden war man früher gern in den Park und auf den Straßen spazieren gegangen; man grüßte jedermann, um sich warme, weiche Pelzchen zu schenken.

Doch nun war sich niemand mehr sicher. Das Schlimmste aber an der ganzen Sache war, dass sich an der Gesundheit der kleinen Leute etwas zu ändern schien. Viele beklagten sich über Schmerzen in Schulter und Rücken und mit der Zeit befiel mehr und mehr kleine Swabeedoodahs eine Krankheit,bekannt als Rückgraterweichung. Sie liefen gebückt umher und in den schlimmsten Fällen tief gebeugt, so dass ihre Pelzchenbeutel auf dem Boden schleiften.
Viele Leute im Dorf fingen an zu glauben, dass das Gewicht des Beutels die Ursache der Krankheit sei, und dass es besser wäre, sie zu Hause einzuschließen. Binnen kurzer Zeit konnte man kaum noch einen Swabeedodah mit einem PelzchenBeutel antreffen.
Zunächst war der Kobold mit diesem Ergebnis zufrieden. Er hatte herausfinden wollen, ob die kleinen Leute auch so fühlen und handeln würden wie er, wenn er selbstsüchtige Gedanken hegte; und er fühlte sich bestätigt, so wie die Dinge liefen.
Wenn er fortan ins Dorf kam, grüßte man ihn nicht länger mit einem Lächeln und bot ihm vor allem keine warmen, weichen Pelzchen an. Die kleinen Leute starrten sich gegenseitig und auch den Kobold lediglich voller Misstrauen an. Und ihm, dem Kobold, war es auch lieber so. Für ihn bedeutete dies „der Wirklichkeit ins Auge zu schauen".  „So ist das Leben, so ist die Welt" pflegte er zu sagen und fühlte sich dabei den kleinen Leuten aus Swabeedoo weit überlegen und um einiges schlauer.

Mit der Zeit ereigneten sich aber schlimmere Dinge; möglicherweise wegen der Rückgrat-verkrümmung, vielleicht aber auch, weil kaum jemand mehr einem anderen ein warmes, weiches Pelzchen gab (wer weiß es?), so starben zumindest gerade zu jener Zeit unverhofft einige der kleinen Swabedoodahs ganz plötzlich.
Nun war alles Glück aus dem Dorf Swabeedoo verschwunden und es bedauerte das Dahinscheiden seiner kleinen Bewohner. Als der Kobold davon hörte, sagte er zu sich selbst: "Mein Gott, ich wollte ihnen nur zeigen, wie die Welt wirklich ist, ich habe ihnen nicht den Tod gewünscht." Nun tat es ihm doch ein bisschen leid, so viel Misstrauen und Zweifel unter den Bürgern von Swabedoo verbreitet zu haben.
Er überlegte, was man jetzt machen könnte und er erdachte einen Plan: Tief in seiner Höhle hatte der Kobold eine geheime Mine von kaltem, stacheligem Gestein entdeckt. Er hatte viele Jahre damit verbracht, die stacheligen Steine aus dem Berg zu graben, denn er liebte dieses kalte und prickelige Gefühl, welches sie in seinen Handflächen erzeugten und er blickte gern auf seinen Haufen kalter, stacheliger Steine. Allerdings auch in dem Bewusstsein, dass sie alle ihm gehörten. Er entschloss sich schweren Herzens nunmehr aufgrund der Situation im Dorf Swabeedoo seine Steine mit den kleinen Leuten zu teilen. So füllte er hunderte von Säcken mit kalten, stacheligen Steinen und nahm sie mit ins Dorf.

Als die Leute die Säcke sahen, waren sie froh und nahmen sie dankbar an. Nun hatten sie wieder etwas, was sie sich schenken konnten. Das einzig Unangenehme war, dass es nicht so viel Spaß machte, kalte, stachelige Steine zu geben, wie warme, weiche Pelzchen. Einen stacheligen Stein zu geben war gleichsam eine Art, dem anderen die Hand zu reichen, aber nicht in Freundschaft und Liebe. Einen stacheligen Stein zu bekommen war mit einem eigenartigen Gefühl verbunden. Man war nicht ganz sicher, was der Geber meinte, denn schließlich waren die Steine wie schon beschrieben, sehr kalt und stachelig. Es war nett, etwas von einem anderen zu erhalten, aber man blieb verwirrt und oft mit zerstochenen Fingern zurück. Wenn ein Swabeedoodah in früheren Zeiten ein warmes, weiches Pelzchen bekam, sagte er gewöhnlich "Wow ! ", wenn ihm aber jemand einen kalten, stacheligen Stein reichte, gab er gewöhnlich nichts anderes als ein untererdrücktes "Uuh!" von sich.

Ein kleiner Kreis der Swabeedoodahs begann wieder, einander warme, weiche Pelzchen zu geben und jedes Mal, wenn ein Pelzchen geschenkt wurde, machte es den Schenkenden und den Beschenkten sehr glücklich. Vielleicht war es aber auch nur deshalb so ungewöhnlich von jemandem ein warmes, weiches Pelzchen zu bekommen, weil so viele, kalte, stachelige Steine ausgetauscht wurden. Es waren nur wenige der kleinen Leute, die entdeckten, dass sie fortfahren könnten, einander warme, weiche Pelzchen zu schenken, ohne dass ihre Vorräte ausgingen, und so wurde das Pelzchenschenken nur noch von einer geringen Zahl der Swabeedoodahs gepflegt.
Das von dem Kobold verursachte Misstrauen steckte tief in den Herzen der Leute des kleinen Dorfes; man konnte es aus ihren Bemerkungen hören:
„...Warme, weiche Pelzchen?  Was steckt wohl dahinter? Ich weiß nie, ob meine warmen, weichen Pelzchen geschätzt werden. Ich habe ein weiches Pelzchen gegeben und bekam dafür einen stacheligen, kalten Stein. So dumm bin ich nie wieder............"
Niemand wusste mehr woran er war; jetzt ein weiches Pelzchen und im nächsten Augenblick einen stacheligen Stein.
Einige der Swabeedoodahs konnten sich nicht an das Steineschenken gewöhnen und einigten sich mit ihren Freunden so: „Gibst du mir keinen stacheligen Stein, gebe ich dir auch keinen. Okay!“
Ein kleiner Swabeedoodah mochte seinen Kindern ein warmes, weiches Pelzchen geben, aber nach langen Überlegungen kam er jedes Mal zu dem Schluss, dass sie es wohl nicht verdienten. Manchmal plagte ihn die Frage, ob sein Großvater wohl noch Pelzchen auf der Bank hat.

Mit solchen und ähnlichen Gedanken war ein Großteil der kleinen Leute fortan beschäftigt. Wahrscheinlich wäre jeder Bürger von Swabeedoo gern zurückgekehrt zu jenen frühen Tagen, als das Schenken und Geschenkt  bekommen von warmen, weichen Pelzchen noch üblich war.
Manchmal dachte ein solcher kleiner Mann, wie schön es doch wäre, von jemandem ein warmes, weiches Pelzchen geschenkt zu bekommen und in Gedanken ging er dann hinaus und begann einem jeden ein Pelzchen zu schenken  wie in frühen Tagen.
Doch etwas hielt ihn stets davon zurück, es in die Tat umzusetzen. Gewöhnlich war es einfach dies: Er ging hinaus und sah, "wie die Welt wirklich war".

Das ist der Grund, warum das Verschenken von warmen, weichen Pelzchen nur noch selten geschieht, und niemand tut es in aller Öffentlichkeit. Man tut es im Geheimen und ohne darüber zu sprechen. Aber es geschieht! Hier und dort, immer wieder.

Ob du vielleicht auch eines Tages……?


Mittwoch, 16. Juni 2010

Ein Ausflug mit Balduin

Vor einigen Jahren habe ich mit Begeisterung Kurzgeschichten für meine kleine Tochter geschrieben; im Moment fehlt mir leider Zeit dafür. Bei einem Autorenwettbewerb habe ich die folgende Geschichte eingereicht und habe mich riesig gefreut, als sie veröffentlicht wurde.


Ein Ausflug mit Balduin
Kennst du eigentlich Balduin? Nein? Na, dann will ich dir heute mal von ihm erzählen.
Balduin ist ein Mäuserisch und lebt mit seiner Mäuse-Frau Greta und seiner kleinen  Mäuse-Tochter Bambinchen in einem großen Schloss. An einem schönen Sommertag beschließt Balduin mit seiner Familie, einen Ausflug zu machen. Er nimmt seinen Wanderstock und Greta verpackt Essen und Getränke in ihrem Mäuserucksack. Gerade als sie ihre kleine Wohnung durch das Mäuseloch verlassen wollen, hören sie ein gefährliches MIAU vor dem Ausgang. Greta und Bambinchen werden bleich vor Schreck und verstecken sich zitternd hinter Balduin. Vorsichtig sieht der Mäusevater aus dem Mäuseloch und ihm blicken zwei riesige, gelbe Augen entgegen. Balduin geht einen Schritt zurück und…. ja, und fängt an, schallend zu lachen. Er lacht so sehr, dass er sich den Bauch hält und ganz rot wird im Gesicht. Greta und Bambinchen sehen ihn verständnislos an. „Das ist….“prustet er, „das ist doch nur die dicke Berta….“ Lachend denkt er an die Späße zurück, die er schon mit ihr erlebt hat. Zugegeben, ihr Miau hört sich schon sehr Furcht erregend an, aber Berta, die älteste Schlosskatze, ist so dick, dass sie es noch nie geschafft hat, eine Maus zu fangen – sie ist einfach viel zu langsam.
„Versteckt euch beim Mäuseeingang, ich werde Berta in der Zwischenzeit ablenken.“ Balduin flitzt aus dem Mauseloch, als sich die dicke Berta gerade die Schnurrbarthaare putzt und er piepst zweimal tüchtig laut, damit die Katze ihn bemerkt. Diese macht einen Satz hinter dem Mäuserich her und nun kann die Jagd beginnen. Balduin saust um den Schirmständer herum, der auf dem Flur steht, und Berta immer hinterher. Die Kreise, die Balduin dreht, werden jedoch immer kleiner und kleiner und da der Mäuserich sehr flink und wendig ist, bereitet ihm dies auch keine  Schwierigkeiten. Berta jedoch ist dick und behäbig und auch nicht so wendig, so dass ihr immer schwindeliger wird. Schließlich ist sie so aus der Puste, dass sie laut schnaufend auf dem Rücken liegt und alle Viere von sich streckt. Die Mäusefamilie spaziert nun fröhlich an der dicken Berta vorbei und Bambinchen kann es nicht lassen, ein paar Grimassen zu machen und der japsenden Katze die Zunge heraus zu strecken.

Auf ihrem Spaziergang zum See singen sie ein paar fröhliche Mäuselieder und begegnen unterwegs Hugo, der Schnecke und der Igelfamilie Pieks, die es sich im Schatten gemütlich gemacht hat. Auch die Mäuse lassen sich zu einem Picknick nieder und machen anschließend ein kleines Nickerchen. Bambinchen wacht nach einiger Zeit auf und spitzt die Ohren. Was ist das? Sie lauscht, kann aber nichts mehr hören. Da!! Sie hört es wieder – ein dumpfes Brummen und Grollen. Auch Greta und Balduin erwachen und sehen sich um, woher das Geräusch kommt. Eine Katze? Ein anderes wildes Tier? Sie blicken zum Himmel und erschrecken: Ein Gewitter! Um sie herum sind nur dunkle Wolken zu sehen und die Bäume fangen an, sich wie wild im Sturm zu biegen. Schnell packen sie alles zusammen und laufen zum Wald. Balduins Familie kämpft sich im Wind vorwärts und schon fallen die ersten großen Tropfen. Durch einen riesigen Blitz wird es plötzlich taghell und der anschließende Donner lässt sogar den mutigen Balduin zusammen zucken.  Bambinchen fängt an zu weinen und hält sich Trost suchend an ihrer Mutter fest. „Kommt mit“, ruft Balduin, „ich weiß, wo wir uns unterstellen können. Ich kenne in der Nähe einen großen Fliegenpilz – der bietet uns bestimmt ausreichend Schutz.“ Völlig durchnässt laufen sie weiter und gelangen zu dem Pilz, der wirklich einen Hut hat so groß wir ein Sonnenschirm. Schnell schlüpfen sie darunter und kuscheln sich eng aneinander.
Als es endlich aufhört zu regnen, ist es schon dunkel geworden. Balduin, Greta und Bambinchen krabbeln unter dem Pilz hervor und sehen sich vorsichtig um. Sie wollen schnell heim und fangen an zu laufen, so schnell wie man mit kleinen Mäusefüßen eben laufen kann. Wegen der Dunkelheit nehmen sie jedoch einen falschen Weg und hören plötzlich ein Geräusch, das sie erschrecken lässt: U-huuuu …u-huuu… eine Eule! Ihr größter Feind, dem sie hier in der Dunkelheit fast hilflos ausgeliefert sind. Balduin nimmt Greta und Bambinchen an die Hand und rennt mit ihnen zurück zum Fliegenpilz. Sie hören dicht hinter sich gerade noch einen Flügelschlag, als sie sich mit letzter Kraft unter den großen, leuchtend roten Hut retten. „Puh, das war knapp“, japst Balduin atemlos. In Gedanken versunken stochert er mit seinem Spazierstock in einer Matschkuhle, die sich neben dem Pilz durch den Regen gebildet hat. Plötzlich fängt sein Gesicht an zu strahlen: „Ich hab’s“, ruft er, während er weiter in der Erde stochert und allmählich ein großes Loch sichtbar wird. „Ich glaube, ich habe einen Geheimgang gefunden. Es könnte ein alter Bau von Marius Maulwurf sein, der hier mal gewohnt hat. Dieser Gang ist unsere Rettung.“ Sie krabbeln alle nacheinander in die Höhle – froh, der Eule endgültig entkommen zu sein. „Papa, kommen wir durch diesen Gang nach Hause?“ flüstert Bambinchen, während ihr die Augen vor Müdigkeit fast zu fallen. „Ich denke schon“, lautet Balduins Antwort. „Marius hat all seine Gänge Richtung Schlossgarten angelegt, damit er uns  immer besuchen kann. Besser als draußen von der Eule geschnappt zu werden, ist es allemal. Also los!“ Die Mäusefamilie tippelt los und kommt in den Gängen schnell voran. Nach einer Weile kommt Balduin nicht weiter und wühlt sich mit seinen kleinen Vorderpfoten durch einen Erdwall hindurch. Und dann – ja dann hat er es geschafft. Seine kleine Mäusenase schnuppert wieder frische Luft und er sieht vor sich das hell erleuchtete Schloss. Er hilft Greta und Bambinchen aus dem Geheimgang hinaus und sie laufen so schnell sie können zu ihrer Mäusewohnung. Die dicke Berta schläft jetzt glücklicherweise schon und so können sie ungehindert durch das Mäuseloch schlüpfen. Erleichtert fallen die drei sich erst in die Arme und anschließend völlig übermüdet in ihre Betten. „Was für ein aufregender Tag, “ seufzt Balduin im Halbschlaf und beginnt mäusemäßig zu schnarchen.

(veröffentlicht 2004 in "Stachel, der kleine Igel, erzählt Geschichten" Band IV)